Eindrücke einer intensiven Begegnung 70 Jahre nach Kriegsende

Gedenk- und Begegnungsreise des CVJM-Friedensnetzes nach Belarus

 

Zuerst bunte Fahnen am Straßenrand und riesige Hochhausketten im Hintergrund, etwa eine halbe Stunde später sehen wir links und rechts gelbe und blaue Holzhäuschen mit kleinen Gärten und einer Ziege oder ein paar Hühnern darin. Der Kontrast könnte kaum größer sein: Wir fahren mit dreizehn Personen vom Flughafen Minsk, durch die Stadt in die ländliche Region Woloshin in Belarus.

Mit vielen Erwartungen und ersten Eindrücken kommen wir,Mitglieder der CVJM-AG Vereine, Mitarbeitende von CVJM Kreis- und Ortsvereinen sowie Vorstandsmitglieder des CVJM-Friedensnetzes, beim CVJM Haus in Woloshin an, und werden dort bereits von unseren Partnern des CVJM Woloshin mit einem leckeren Essen erwartet. Die Reise ist ein Fachkräfteaustausch des CVJM-Friedensnetzes mit dem CVJM in Woloshin, der in diesem Jahr sein 20. jähriges Jubiläum feiert. Doch nicht nur dieser für den CVJM wichtiger Jahrestag war Grund für unserer Reise, sondern insbesondere auch die Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg, zu denen wir als Mitglieder des CVJM-Friedensnetzes mit einer kleinen Ausstellung in Dory auch ein Zeichen der Versöhnung setzen möchten.

Vorstand des CVJM Woloshin und Reiseteilnehmer/innen CVJM Friedensnetz

 

Zunächst fahren wir aber am Donnerstag in die Hauptstadt zurück, um dort das neu eröffnete Museum zum „Großen Vaterländischen Krieg“ zu besuchen. Unser langjähriger Freund Nikolai begrüßt uns und begleitet uns durch die vielen unterschiedlichen Räume. Wir sehen militärische Darstellungen, den Aufbau eines Partisanendorfes im Wald, die Gräuel des Vernichtungskrieges und oben angekommen in einer riesigen Glaskuppel den „Saal des Sieges“. Für uns als deutsche Gruppe in einem Land der ehemaligen Sowjetunion, in der die meisten Toten des Zweiten Weltkriegs zu beklagen sind, eine schwierige Auseinandersetzung, aber sicherlich auch ein guter inhaltlicher Einstieg für die nächsten Tage. Nach einem gemeinsamen Mittagessen in Minsk haben wir etwas Zeit zur freien Verfügung und kaufen Leinenstoffe, Schokolade, und ja, auch alkoholische Mitbringsel.

 

Am Abend findet dann das Jubiläum des CVJM in Woloshin im Kulturhaus statt. Schon die Begrüßungen lassen erahnen, dass es eine schöne und bewegende Feier wird. Unterhaltsame Reden, eine Fotopräsentation, Tanz und Gesang  bilden einen vielseitigen Rahmen. Es gibt aber auch Dankesurkunden für die langjährige Partnerschaft und das Engagement von deutschen Gruppen und Personen in Woloshin und am Ende durfte eine große Geburtstagstorte natürlich auch nicht fehlen. Alle sind von der guten Stimmung beschwingt ins CJVM Haus umgezogen, wo ein buntes Buffet aufgebaut war. Die müden Gesichter am nächsten Morgen offenbaren, dass es nicht nur eine sehr schöne, sondern auch lange Feier geworden ist. Doch NGOs haben es in Belarus und den politischen Umständen auch sehr schwer, sodass diese 20 jährige CVJM-Arbeit in diesem Land gar nicht hoch genug geschätzt werden kann.

 

Freitag nehmen wir in Dory am orthodoxen Gottesdienst teil und erneuern unser Versprechen, in Dory als deutscher CVJM für Völkerverständigung und Versöhnung einzustehen. Denn dieser Ort hat eine sehr traurige Geschichte. Am 23. Juli 1941 wurde das Dorf von der deutschen Wehrmacht überfallen und die Bevölkerung in die Kirche des Dorfes getrieben. Wenige konnten entkommen, da sie zur Zwangsarbeit ausgewählt wurden, die übrigen waren in der Kirche gefangen, die die Deutschen dann anzündeten. Mit dem Gotteshaus verbrannten 257 Menschen.

Nach einer Traueransprache am Mahnmal und den Mauerumrissen der verbrannten Kirche gibt es einen kleinen Empfang in der Dorfschule, wo nun über die Geschichte des Ortes eine Ausstellung von uns aufgehängt wurde: „Dory – nur ein Ort von vielen“

.Ausstellungseröffnung Dory durch Jan-Hinnerk Scholljegerdes (l) und Klaus Kobs (r)

Am nächsten Tag, dem 9. Mai, ist in Belarus gesetzlicher Feiertag, denn es ist der „Tag des Sieges“ und in Minsk sowie in weiteren Städten des Landes gibt es Festreden und Feierlichkeiten. In Woloshin ist der Rathausplatz geschmückt, Veteranen sind zu Gast und eine Militärparade zieht durch die Hauptstraße. Unter den vielen Einwohner/innen der Stadt sind auch wir zu finden und verfolgen interessiert das Geschehen.

 

Die Zeit ist für uns sehr schnell vergangen, schon der letzte Abend steht bevor. Wir fahren mit den Freunden des CVJM Woloshin in den Wald und fühlen uns ein bisschen wie in Skandinavien. Die Sonne scheint, zwei Seen grenzen an unserer Holzhütte, die ersten Mücken ärgern uns, der Grill wird angeschmissen. Wir reflektieren unsere Eindrücke, kommen noch in Gespräche und genießen den Abend unter Freunden. Denn, das können wohl alle Reiseteilnehmer/innen nach diesen Tagen und vor allem nach einer 20jährigen Partnerschaft bestätigen, nicht nur die Vereine sind gute Partner geworden, auch die Menschen aus Belarus und Deutschland verbindet inzwischen eine enge Freundschaft und beide Seiten freuen sich auf viele weitere gemeinsame Begegnungen.

 

Sarah Vogel, Geschäftsführerin des CVJM-Friedensnetz e.V.